Wolfram Gutermann
In seinen Arbeiten zeigt Wolfram Gutermann spontane, zufällige
Elemente der Traumwelt und des Unterbewusstseins als Gegensatz zu jeder
formalen Logik, zu der Trennung der Disziplinen und der Ausdrucksformen
der Kunst. Der Künstler baut mit seinen Werken unerwartete
Brücken zwischen Leben und Freiheit, zur Fantasie, zu allen
vorstellbaren und unvorstellbaren Welten.
Interview
Wie charakterisierst du
deine Kunst?
Meine künstlerische Arbeit hat zwei
Hauptrichtungen: Die eine hat Psychogrammcharakter. Diese Arbeiten
tragen notwendig „surrealistische“ Züge, stets mit einer
gehörigen Portion Selbstironie gewürzt. Sicher wirken sie
zuweilen verstörend vielschichtig – beunruhigend, gleichzeitig zur
humorvollen Betrachtung einladend. Andererseits arbeite ich gerne auf
einen konkreten Ort bezogen, in Auseinandersetzung mit seiner
Geschichte, Sozialökonomie, seinem Charakter. Diese Arbeiten im
öffentlichen Raum sind auch politisch zu lesen. Dazwischen
entstehen Arbeiten, in denen mich das Allgemeinmenschliche in
Extrembiografien interessiert. L‘art pour l‘art ist mir so fremd wie
jegliche Dekoration. Ich suche mit meiner Arbeit gesellschaftliche
Veränderungen, ausgehend vom Individuum, das sich im großen
Zusammenhang begreifen lernt.
Für wen machst du
Kunst?
Zunächst einmal natürlich für mich –
ich hab‘ mit der Bildnerei viel Selbsttherapie gemacht. Es hat
fantastische Wirkkraft, die eigenen Gespenster quasi lebensgroß
und in Farbe vor sich hinzustellen. So habe ich denn auch lange meinen
Kindheitstraumata Gestalt verliehen. Oft arbeite ich thematisch, lasse
mich aber immer sehr überraschen und führen, etwa vom
Material und dem, was es mir beim Tun schenkt. Für das
vermeintlich Zufällige, das was mir „zufällt“, ohne dass ich
es geplant oder bewusst gesucht hätte, habe ich eine intuitive
Offenheit und geschärfte Wahrnehmung. In den Momenten der
Reflexion über das oftmals wie in einer Art Trance Geschaffene
genießen diese ungeplanten Elemente meine besondere
Wertschätzung. Auch, weil ich mich bei ihrer Entstehung „ganz“
fühle, eins mit mir und meinem Schaffen. Meine Kunst ist
zuallererst wohl auf Selbstverwirklichung aus. Da ich aber, so lang ich
denken kann, schon immer einen sehr virulenten Sozialspleen habe,
trachte ich auch danach, andere in ihrer Selbstverwirklichung zu
unterstützen. Mein Wunsch ist, dass die Menschen, mit denen ich
arbeite wie auch die, die meine Bildwerke betrachten, dabei etwas
für sie Wertvolles erfahren. Etwas, das ihnen hilft, ihr Leben
weiter zu öffnen, sich und ihre Welt intensiver anzunehmen…
Letztlich möchte ich mit meiner direkten, ungekünstelten
Arbeit die Betrachter zu eigenkünstlerischer Produktion animieren.
Kunst birgt allemal ein revolutionäres Potential: Wer seine
verschüttete Kreativität freilegt, entdeckt dabei, dass seine
Möglichkeiten sagenhaft weit über seine individuellen
Vorstellungen hinausgehen. Wenn andere durch mein Werk inspiriert
werden, selbst frei zu schaffen, hat sich alles gelohnt.
Gibt es wichtige
Einflüsse für dein künstlerisches Arbeiten?
Meine künstlerische Initiation erlebte ich Ende
1987 durch die große Alberto Giacometti-Schau in der Westberliner
Nationalgalerie: ½ Stunde vor einer Skulptur zu sitzen, Rotz und
Wasser heulend, war in der Tat eine revolutionäre
Erschütterung, die mein Leben komplett umkrempeln sollte. An
diesem Tag wusste ich, dass ich Bildhauer werde, denn etwas, das einen
Menschen so tief bewegen kann, ist es wert, dass ich daran arbeite!
Dann Alfred Hrdlicka, der mit seiner politischen Kunst meine
Bedenken zerstreute, als Künstler „die Welt um mich zu
betrügen“. Ed Kienholz‘ fantastische Raumarbeiten, die mir den
Wert des Alltagsgegenstands in der Kunst neu eröffneten. Auch
Francis Bacon, der mich mit seinen extrem verzerrten Porträts
lehrte, wie viel Wahrheit im „Unähnlichen“ steckt, wie viel
Schönheit im Hässlichen, wenn es sich nicht versteckt, wie
viel Gültiges der subjektive Blick hervorbringt, wenn er nur
leidenschaftlich intensiv ist. Und immer wieder Beuys, sein erweiterter
Kunstbegriff der „Sozialen Plastik“, sein Bestreben, Wege aufzuzeigen,
die es Menschen ermöglichen, ihre WÜRDE zurückzuerobern!
Mittels Kunst. Jeder an seinem Platz, in seiner Arbeit ein/e
Kunstschaffende/r. Gesamtkunstwerk Gesellschaft: Wo jede/r begreift,
dass es auf sie/ihn ankommt!
Welche Rolle spielen die
Materialien, die du verwendest?
Mein wichtigstes Material ist das Leben selbst. (Vor
allem das von mir erlebte.) Ihm versuche ich in meiner Arbeit auf die
Schliche zu kommen. Sterben und Tod – als individuell verdrängten,
gesellschaftlich tabuierten, aber entscheidenden Lebens-Phasen – kommt
dabei höchste Bedeutung zu. Daran arbeite ich im Atelier wie auch,
seit 7 Jahren, im Hospiz in der Pflege Sterbender. Oft beziehe ich mich
konkret auf eine vorgefundene (Raum-)Situation. So brauchen meine
Arbeiten auch keine Kunst-Sockel oder -Rahmen. Gleich, ob es sich um
einen Hafen, Müllplatz, die Nachbarschaft eines Friedhofs, oder
eine Landschaft handelt – meine Kunst speist sich vor allem aus den
Menschen und den Dingen, die sie umgeben. Sie sind die Materialien, die
ich da, wo ich arbeite, vorfinde, die Alltagsgegenstände und
die Geschichten, die sie mir erzählen. Wichtig ist mir, da bin ich
auch Enkel der arte povera, dass die Materialien allgemein
verfügbar sind. So möchte ich gleichzeitig den
gewöhnlichen Gebrauchsgegenstand und mit ihm das Alltagsleben
aufwerten, wie auch die Kunst von ihrem Sockel holen. Die Kluft
zwischen Leben und Kunst weiter zuschütten.
Gibt es eine Konstante in
deiner Arbeit?
Inhaltlich die Auseinandersetzung mit existenziellen
Fragen, vor allem mit Tod und Sexualität, mit eigener Innenwelt
und dem Kampf um individuelle und gesellschaftliche Veränderung.
Formal meine Neigungen zur ägyptischen Frontalplastik mit
Hauptansicht, wie auch zur wechselseitigen Integration von Kunst und
Alltagsleben.
Welche Gefühle
begeistern deine Kunst?
Alle, nehme ich an, denn ich arbeite in und mit jeglicher
Gemütsverfassung.
Vita
Geboren 1960 in Flensburg
In den 1980er Jahren politischer
Kollektivbuchhändler in Flensburg
Studium der Sozialarbeit und Kunstpädagogik in
Bremen
In den 1990er Jahren Studium der Bildhauerei an den
Kunsthochschulen Bremen, Wien und Berlin
2000 Meisterschüler Hochschule der Künste
(HdK) Berlin
Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler
Berlins (BBK)
Diverse Studienreisen, Ausstellung, Symposien
Arbeiten im öffentlichen Raum
Seit Anfang der 1990er Jahre intensive
Beschäftigung mit dem Buddhismus
Seit 2000 Arbeit mit Sterbenden im Ricam-Hospiz
Berlin
Seit 2002 verheiratet mit der Landschaftsplanerin
Janin Reif, gemeinsame Tochter Leona
Lebt und arbeitet in Brandenburg und in Berlin
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Roter Faden
Stehende Figur mit Beiwagen
und kleiner liegender Figur
(Gips auf Armiereisengerüst und Styropor,
Plüschtierteil, Kordel, kleiner 4-rädriger
Transportwagen,
190 x 200 cm)
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